Musikalischer Adventskalender 2020


Wir wünschen Ihnen/Euch allen von Herzen einen ruhigen und gesegneten 3.Advent.


Macht hoch die Tür


 

Macht hoch die Tür

 

Nach einer Erzählung von Werner Krause - Quelle Bibellesebund

 

Es war im Jahr 1623 in Königsberg.

 

Es war eine schwierige Zeit: Krieg, Hunger, Seuchen waren nicht spurlos an der Bevölkerung vorübergegangen. Wohlstand fand man vor allem noch in den Häusern der alteingesessenen Königsberger Kaufleute, aber auch im Haus des Fisch- und Getränkehändlers Sturgis. Er gehörte nicht zu den angesehenen Patriziern, sondern war vielmehr ein Emporkömmling, der mit kaufmännischem Fingerspitzengefühl und zähem Fleiß zu Wohlstand und Reichtum gekommen war.

 

Zwar hatte man ihm einen Bauplatz im vornehmen Patrizierviertel versagt, doch hielt sein neu erbautes Haus am Rossgärtner Markt jedem Vergleich stand.

 

Nur eines ärgerte den Besitzer: Wenig entfernt von seinem Grundstück lag ein Armen und Siechenheim, und dicht bei seinem Gartenzaun verlief der schmale Fußweg, den die Armenhäusler benutzten, wenn sie Besorgungen in der Stadt machen oder am Sonntag den Gottesdienst besuchen wollten.

 

Zwar belästigten sie den Kaufmann nie, aber Sturgis ärgerte sich über den Anblick der armseligen Gestalten und beschloss, Abhilfe zu schaffen. Spitzfindig, wie er war kaufte er die lange breite Wiese, über die der Pfad führte und legte einen herrlichen Park an. Er umgab ihn mit einer Mauer, schloss ihn von außen durch ein Prächtiges Tor und auf der Rückseite durch eine kleine verriegelte Pforte ab. Nun war den Armenhäuslern der Weg versperrt, Und der Umweg zur Stadt war für die meisten von Ihnen zu weit und zu beschwerlich.

 

So klagten sie Pfarrer Weissel ihr Leid und Baten um Rat und Hilfe. Sollte es Gott nicht möglich sein, dass der reiche Mann die Pforte seines Herzens öffnete, damit die Barmherzigkeit Einzug halten konnte. War es nicht so, dass Sturgis´ Name in Sammellisten in der Regel hinter hohen Summen zu finden war, und dass er sich besonders freigiebig zeigte, wenn Spender und Beitrag öffentlich bekannt gegeben wurden. Auch hatte er stets eine großzügige Hand, wenn in der Adventszeit der Chor vor den Häusern der Wohltäter und Spender seine Lieder erklingen ließ.

 

Doch in diesem Jahr war es anders. Das verschlossene Tor war der Grund für die abweisende Haltung, mit der man Sturgis gegenüberstand. Man wollte dieses Jahr nicht vor dem Haus des Getreidehändlers singen.

 

Weissel aber gab zu bedenken: „Ich meine wir würden Advent und Weihnachten nicht richtig feiern können, wenn wir den reichen Mann ausschließen würden. Unser Erlöser geht auch an keinem Haus und an keinem Herzen vorüber! Wollen wir ihm nachfolgen, oder nicht?“

 

Der Chorleiter, ein junger Student, wurde nachdenklich. Aber würden sich die Chormitglieder überreden lassen? Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss und Weissel selbst würde die Sänger begleiten. Doch welches Lied sollte bei Sturgis erklingen? Da zog Weissel die Schublade seines Tisches auf und entnahm ihr ein Blatt, dicht beschrieben mit Versen. Schweigend und sichtlich ergriffen las der junge Student:

 

„Macht hoch die Tür die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit ….“

 

„Wundervoll.“, rief er schließlich mit Begeisterung aus. Dieses Lied sollte in dieser Adventszeit zum ersten Mal erklingen, freilich zunächst mit einer bereits bestehenden Melodie. Später würde sich sicher ein Komponist finden, der eine Melodie eigens dazu schaffen würde.

 

Doch wie war es zu diesem Lied gekommen? Während der junge Gast noch einmal die Verse überflog, erzählte Weissel: Es war während des starken Sturms, der vor Kurzem über unser Land hinweggefegt ist. Ich hatte in der Nähe des Doms zu tun. Der Wind peitschte mir ins Gesicht und raubte mir fast den Atem. Ich strebte dem Dom zu, um dort unter dem hohen Portal Schutz zu finden. Ich hatte nur noch die Tür im Auge und erreichte schließlich die breite Treppe. In diesem Moment öffnete sich das Portal weit. Der Glöckner hatte mich bereits kommen sehen und begrüßte mich sehr freundlich. Er verbeugte sich leicht vor mir und sagte: „Willkommen im Hause des Herrn. Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier, oder Tagelöhner. Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen.“

 

Ich schüttelte mir den Schnee vom Mantel und klopfte dem Glöckner auf die Schulter. „Eben habt ihr mir eine ausgezeichnete Predigt gehalten.“ Bis sich das Unwetter gelegt hatte, war in mir das Lied entstanden, das nun vor Ihnen liegt:

 

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit…“

 

Am Nachmittag des 4.Advent versammelten sich die Alten und Kranken zur Weihnachtsfeier der Kirchengemeinde, die auch in diesem Jahr durch die Spenden der reichen Handelsherren ermöglicht worden war. Hinterher sollte der Chor die Wohltäter mit Weihnachtsliedern erfreuen, die bislang noch nicht besucht worden waren. So formierte sich ein seltsamer Zug: voraus Pfarrer Weissel, gefolgt von den Sängern, danach die Alten und die an Stöcken und Krücken humpelnden Kranken.

 

Sturgis saß währenddessen allein in seinem großen Zimmer. Der Tisch war festlich geschmückt und bedeckt mit den erlesensten Speisen, wollte er doch durch seine Großzügigkeit die aufgebrachten Gemüter besänftigen.

 

Dort kamen sie: Pfarrer, Chor und dahinter die Alten. Entsetzt beobachtete Sturgis wie der seltsame Zug an den weit geöffneten Türen seines Hauses vorbei zog. Wollte man ihn kränken?

 

Doch nein, jetzt machten sie Halt, geradewegs vor dem prächtigen Tor seines Parks. Ob sie dort singen wollten? Zögernd verließ Sturgis das Haus und ging durch den Garten zu dem Tor.

 

Da begann Weissel seine Ansprache. Er sprach von dem König aller Könige, der auch heute noch vor verschlossenen Herzenstüren wartet und Einlass begehrt, auch beim Kaufmann Sturgis. „Ich flehe euch an,“ fuhr Weissel fort, „öffnet nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern das Tor eures Herzens und lasst den König ein, ehe es zu spät ist.“ Darauf wandte er sich um und wies auf die Schar der Alten, die ihnen gefolgt waren. In diesem Augenblick begann der Chor:

 

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit…“

 

Sturgis schien es als höre er einen Engelchor. Tief drangen die Worte in sein Herz. Bei der zweiten Strophe griff er mit zitternder Hand an die Tasche, holte den Schlüssel heraus und öffnete weit die schweren Eisenflügel. Pfarrer Weissel trat ein, nach ihm der Chor und die Alten. Sie zogen singend durch den Park bis zu der kleinen Pforte. Sturgis öffnete auch sie weit und verkündete, dass von nun an Tür und Tor geöffnet belieben sollten, um dem König aller Könige Einlass zu gewähren. Darauf lud er alle in sein Haus ein, auch die Alten, deren Anblick er bisher kaum hatte ertragen können. Er selbst aber hatte strahlende Augen wie ein Kind am Weihnachtsabend.

 

Dann saß er neben dem Pfarrer und bat ihn, die Strophen des neuen Liedes als Erinnerung an diesen Tag in sein Gesangbuch zu schreiben. Diese Bitte wurde ihm gerne gewährt, doch auch Weissel hatte einen Wunsch: Er bat den Kaufmann in diesem Lied, die für ihn wichtigsten Zeilen zu unterstreichen. Der reiche Mann brauchte nicht lange zu überlegen. Ohne zu zögern ergriff er die Feder und unterstrich den ersten Satz der 5ten Strophe:

 

„Komm oh mein Heiland, Jesus Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“

 

Der Weg durch den Park aber wurde fortan Adventsweg genannt.

 

 

 

 

 

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.

 

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
Ein König aller Königreich,
Ein Heiland aller Welt zugleich,
Der Heil und Leben mit sich bringt;
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
Mein Schöpfer reich von Rat.
Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
Sein Königskron ist Heiligkeit,
Sein Zepter ist Barmherzigkeit;
All unsre Not zum End er bringt,
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
Mein Heiland groß von Tat.
O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
So diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
Da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
Bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
Mein Tröster früh und spat.
Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
Eu'r Herz zum Tempel zubereit'.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
Steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
So kommt der König auch zu euch,
Ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
Voll Rat, voll Tat, voll Gnad.
Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
Meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
Dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
Den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
Sei ewig Preis und Ehr.

 



Vorgetragen von Lehrern der Rossbergschule Horb

Joachim Straub, Peter Straub und David Daltoe