Musikalischer Kalender 2020


 

So ist Versöhnung und Friede

 

Geborgenheit, Dankbarkeit, Gottes Liebe und Hoffnung, Freude,

Stärke, Licht, Friede und Versöhnung sollen uns im neuen Jahr 2021 begleiten.



 

So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein.
So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.

1.Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht,
ein off`nes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht.
Wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß,
wie ein Blatt an toten Zweigen, ein Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss.

So ist Versöhnung....

2.Wie ein Regen in der Wüste, frischer Tau auf dürrem Land,
Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde Hand in Hand.
Wie ein Schlüssel im Gefängnis, wie in Seenot Land in Sicht,
wie ein Weg aus der Bedrängnis, wie ein Strahlendes Gesicht.

So ist Versöhnung...

3. Wie ein Wort von toten Lippen, wie ein Blick, der Hoffnung weckt,
wie ein Licht auf steilen Klippen, wie ein Erdteil, neu entdeckt.
Wie der Frühling, wie der Morgen, wie ein Lied, wie ein Gedicht,
wie das Leben, wie die Liebe, wie Gott selbst das wahre Licht.

So wird Versöhnung. So wird der wahre Friede sein.
So wird Versöhnung. So wird Vergeben und Verzeihn.

 

 



Eine Predigt von Pfarrerin Barbara Manterfeld-Wormit, Berlin:

 

In fast jeder Familie gibt es sie: Verwandte, über die man nicht gern spricht. Angehörige, die niemals eingeladen werden – nicht mal zur Beerdigung. Zugrunde liegt meist ein uralter Konflikt, der manchmal über Generationen reicht. Was braucht es, um sich mit der schmerzhaften Vergangenheit eines Tages auszusöhnen?

 

Ein Mensch ist gestorben. Als Pfarrerin bin ich gebeten worden, die Trauerfeier zu halten. Die Witwe und ihre beiden erwachsenen Kinder sitzen mir im Wohnzimmer gegenüber. Auf dem Tisch brennt eine Kerze, liegen Fotos und Papiere. Die Angehörigen erzählen. Im Zeitraffer zieht ein Menschenleben vorüber. Etwas Unausgesprochenes liegt in der Luft, das sich nicht greifen, nur erahnen lässt. Noch einmal fasse ich den geplanten Ablauf der Trauerfeier zusammen, nenne die Lieder, die gesungen werden sollen, spreche ein abschließendes Gebet. Ob noch etwas offen geblieben sei, frage ich beim Abschied. Nein, es sei alles gesagt. Ich gehe zur Tür, lege die Hand schon auf die Klinke, da entfährt es der Tochter: Es könne sein, dass ihr jüngerer Bruder auch zur Trauerfeier kommt. Die Eltern hätten zwar seit mehr als zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr, seit es damals zum endgültigen Bruch kam. Nicht einmal ans Krankenbett des Vaters sei ihr Bruder gekommen. Man habe ihm keine Anzeige geschickt. Eine tiefe Bitterkeit liegt in der Stimme der jungen Frau, gemischt mit bangem Zweifeln, als sie nun fragt: »Aber wenn er trotzdem zur Beerdigung kommt? So etwas kann man doch nicht verzeihen! Nach all den Jahren. Jetzt, wo der Vater tot ist, oder?!«

Es gibt kaum eine Familiengeschichte ohne Zerwürfnis. Ich habe eine Halbschwester, die ich noch nie gesehen habe. Noch bevor ich geboren wurde, kam es zum Bruch zwischen meinen Eltern und ihr. Man begegnete sich nicht bei Familienfeiern, und man sprach, wenn irgend möglich, nicht von ihr. Wenn die Rede doch auf sie kam, spürte ich als Kind instinktiv, dass es besser wäre zu schweigen. Zu schmerzlich klang die Stimme meines Vaters. Zu verletzt war seine Seele. Man legt nicht den Finger in eine offene Wunde.
Manche Wunden heilen nie. Andere vernarben mit der Zeit und geraten scheinbar in Vergessenheit. Doch die tiefe Sehnsucht nach Heilung, nach Wiedergutmachung und Aussöhnung bleibt.
Kaum eine Familiengeschichte kommt ohne schmerzhafte Brüche, ohne Schuld und Enttäuschung aus. Davon zeugen auch viele biblische Geschichten. Doch im Gegensatz zu den Geschichten, die unser Leben schreibt, enden sie nicht in Sprachlosigkeit. Sie suchen und gehen Wege der Versöhnung.

„Wie ein Fest nach langer Trauer,
wie ein Feuer in der Nacht,
ein offnes Tor in einer Mauer,
für die Sonne aufgemacht.
Wie ein Brief nach langem Schweigen,
wie ein unverhoffter Gruß,
wie ein Blatt an toten Zweigen,
ein Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss,
so ist Versöhnung“


heißt es in einem Lied des christlichen Liedermachers Jürgen Werth. Darin kommt zum Ausdruck: Versöhnung hat viele Gesichter. Von ganz unterschiedlichen Wegen der Versöhnung erzählt auch die Bibel. Sie alle eint der Gedanke, dass Versöhnung möglich ist – vielleicht erst nach sehr, sehr langer Zeit, oft aber überraschend und anders, als man denkt. Die Geschichten laden uns ein, in sie einzutauchen – mit all unseren ganz persönlichen Schuldgeschichten. Geschichten, über die man nicht gerne spricht und die uns doch belasten, manchmal ein Leben lang. In der Bibel werden diese Geschichten zu Ende erzählt. Sie geht den ganzen, manchmal mühseligen Weg hin zur Versöhnung.

Esau und Jakob

Wie oft hatte er den Tag seiner Geburt verflucht. Damals hatte alles angefangen, als sich der kleine Bruder frech und listig an seine Fersen geheftet hatte, um nur ja nichts zu verpassen. Als Kind hatte Esau die uralte Geschichte gar nicht oft genug hören können. Wieder und wieder hatte er seiner Mutter Rebekka in den Ohren gelegen und nicht eher Ruhe gegeben, als bis sie zu erzählen begann: »Ein kleiner Rotschopf warst du und dein ganzer kleiner Körper mit Flaum bedeckt. Er schimmerte im Morgenlicht rot wie Purpur. Du warst ein Segen für mich und deinen Vater. Der Segen unseres Alters, Erfüllung meiner Träume, der ersehnte Sohn. Gott meinte es gut mit uns. Nie werde ich den Ausruf der Hebamme vergessen: Das sind ja zwei! Und dann lagt ihr da, und Jakob hatte sein Fäustchen fest um deine rechte Ferse geschlossen. So lieb hat er dich gehabt, dass er nicht von dir lassen konnte. Unzertrennlich wart ihr. Und ich so unsagbar stolz auf meine beiden kleinen Zwillinge! Am Ende ihrer Erzählung hatte Rebekka dann beide Kinder in die Arme geschlossen und zärtlich gekitzelt, bis sie vor Lachen kaum noch Atmen konnten. Esaus Gesicht verfinstert sich, als er an die Worte der Mutter denkt. Sein Blick fällt auf seine Hände. Grob sind sie und ungeschlacht. Gut zum Jagen, ungeschickt für Zärtlichkeit. Aus dem rötlichen Flaum von einst sind struppige Haare geworden, die seinen ganzen Körper bedecken. »Wie ein Tier sieht er aus!« flüstern sich die Frauen aus dem Dorf hinter vorgehaltenen Händen zu. Jakob dagegen, sein jüngerer Zwilling, hat schöne Hände, zart und feingliedrig, mit denen er nicht mehr die Nähe zum Bruder sucht, sondern charmant die Frauen umgarnt. Neben ihm fühlt sich Esau unansehnlich und ungeschickt. Er weiß nicht, wann genau es begonnen hat. Irgendwann hatten die Zärtlichkeiten der Mutter ihm gegenüber abgenommen. Egal was er tat, es missfiel ihr. Mal war er zu laut, mal zu grob oder zu schmutzig. Als Esau eines Tages mit dem ersten selbst erlegten Tier nach Hause kam, um es stolz den Eltern zu präsentieren, hatte sich die Mutter angeekelt abgewandt. Ihr Blick suchte Jakob, seinen Bruder. Als sie ihn sah, wich die Abscheu in ihren Augen einer Welle von Zärtlichkeit. Nie wird Esau diesen Blick vergessen. Er traf ihn wie ein Messerstich ins Herz.

„Als nun die Zeit kam, dass Rebekka gebären sollte, siehe, da waren Zwillinge in ihrem Leibe. Der erste, der herauskam, war rötlich, ganz rau wie ein Fell, und sie nannten ihn Esau. Danach kam heraus sein Bruder, der hielt mit seiner Hand die Ferse des Esau, und sie nannten ihn Jakob. Sechzig Jahre alt war Isaak, als sie geboren wurden. Und als nun die Knaben groß wurden, wurde Esau ein Jäger und streifte auf dem Felde umher, Jakob aber ein gesitteter Mann und blieb bei den Zelten. Und Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieb.“ Gen 25,24–28

Esau geschieht bitteres Unrecht. Die eigene Mutter zieht den Jüngeren vor. Später wird sie ihn anstiften, Esau um sein rechtmäßiges Erbe zu bringen. Jakob überredet Esau, sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht an ihn zu verkaufen, schließlich raubt er Esaus Identität, schlüpft in die Rolle des Jägers und in die Kleider des Bruders. Mit Fellen, die ihm die Mutter um die Hände gewickelt hat, tritt er ans Bett des nahezu erblindeten Vaters, um ihn um den Segen zu bitten, der Esau zusteht. Der durchtriebene Plan gelingt.

„Und Jakob ging hinein zu seinem Vater und sprach: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn (..) Komm, setz dich und iss von meinem Wildbrett, auf dass mich deine Seele segne (...) Da sprach Isaak zu Jakob: Tritt herzu, mein Sohn, dass ich dich betaste, ob du mein Sohn Esau bist oder nicht. So trat Jakob zu seinem Vater Isaak. Und als er ihn betastet hatte, sprach er: Die Stimme ist Jakobs Stimm, aber die Hände sind Esaus Hände. Und er erkannte ihn nicht: Denn seine Hände waren rau wie Esaus, seines Bruders Hände. Und er segnete ihn und sprach: Bist du mein Sohn Esau? Er antwortete: Ja, ich bin's.“ Gen 27,18–25

Kann man dieses Unrecht – zugefügt vom eigenen Bruder und von der Mutter – jemals verzeihen? Den Segen des alten Vaters, der kurz darauf stirbt – kann nur einmal gespendet werden. Das Erbe ist unwiederbringlich verloren. Esau steht mit leeren Händen da – und mit leerem Herzen: Verraten von den Menschen, die ihm eigentlich die Nächsten sein sollten. Esau reagiert nach menschlichen Maßstäben damals verständlich: Er schwört Rache und droht, Jakob umzubringen. Jakob flieht vor der Rache seines Bruders. Die Eltern sterben. Jahre werden ins Land gehen, ehe sich die Zwillingsbrüder wiedersehen. Aber eines Tages kehrt Jakob auf Gottes Geheiß in seine Heimat zurück. Er weiß um seine Schuld. Und er ist voller Angst vor der berechtigten Rache des Bruders. Jakob wappnet sich vor der Begegnung wie vor einer Schlacht, eine Schlacht, die er niemals gewinnen kann:

„Jakob hob seine Augen auf und sah seinen Bruder Esau kommen mit vierhundert Mann. Und er verteilte seine Kinder auf Lea und auf Rahel und auf die beiden Leibmägde und stellte die Mägde mit ihren Kindern vornean und Lea mit ihren Kindern dahinter und Rahel mit Josef zuletzt. Und er ging vor ihnen her und neigte sich siebenmal zur Erde, bis er zu seinem Bruder kam. Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn – und sie weinten.“ Gen 33,1–4

»Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken,« meinte Mahatma Gandhi. Esau ist stark. Stärker als Jakob. Vierhundert Mann gegen Jakob, den Kleineren, gegen Frauen und Kinder. Doch nicht das ist es, was ihn wirklich stark erscheinen lässt. Esau gibt seinen Gefühlen nach – und die haben sich mit den Jahren gewandelt. Die Zeit ist reif für Versöhnung. Es geht nicht länger um offene Rechnungen, um Reue und ein Schuldeingeständnis. Berechtigter Zorn und tiefe Enttäuschung des Opfers haben sich gewandelt und der Liebe von einst Platz gemacht. Sie ist stärker als alle Verbitterung und der Wunsch nach Vergeltung. Esau ist nicht länger Opfer. Er ist stark in der Liebe und großzügig. So großzügig, dass Jakob später über diese Begegnung mit seinem Bruder sagen wird:

„Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht.“

Manchmal ist die Zeit noch nicht reif für Versöhnung. Davon handelt eins der berühmtesten Gleichnisse des Neuen Testaments: die Geschichte vom verlorenen Sohn.

Er lässt sich das Erbe des Vaters auszahlen und zieht aus, sein Glück in der Ferne zu machen. Er landet in der Gosse und kehrt reumütig zum Vater zurück. Der vergibt und läuft ihm freudig entgegen – ähnlich großzügig und überschwänglich zärtlich wie Esau: Er umarmt den verloren Geglaubten, küsst ihn, lässt ein Fest vorbereiten, ihn festlich kleiden, schenkt ihm einen Ring. Doch Einem in der Geschichte ist nicht nach Feiern zumute:

„Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.“ Lk 15,25–32

Zunächst erscheint er als Randfigur der Geschichte: der eifersüchtige Bruder des verlorenen Sohnes. Doch an ihm wird deutlich: Versöhnung lässt sich nicht befehlen, genauso wenig wie Liebe oder Zuneigung. Was dem Vater ein Herzensbedürfnis ist: ausgelassene Freude und überschäumende Zärtlichkeit, das ist für den Anderen eine Zumutung. Auch ihn hat der plötzliche Weggang des Bruders verletzt. Er hat ihn allein gelassen, allein mit der Verantwortung dem alten Vater gegenüber. Er hat ihn in die Rolle des guten, tadellosen Sohnes gedrängt, die der andere nicht zu spielen bereit war. Sein Leben wurde ein anderes durch das egoistische Handeln des Bruders. Vergeben, Vergessen, Verzeihen – jetzt und sofort, das kommt für ihn nicht infrage, trotz inständigen Bittens und Nachgehens des Vaters. Er kann es einfach nicht. Vielleicht nie. Vielleicht noch nicht. Vergebung braucht Zeit. Fünf Schritte der Vergebung müssen erst gegangen werden, damit Versöhnung geschehen kann, meint der Theologe und Ordensbruder Anselm Grün in einer seiner Predigten:

„Der erste ist, den Schmerz nochmals zulassen, ihn nicht zu überspringen. Der zweite heißt, die Wut zulassen, den anderen aus sich heraus werfen, sich innerlich von ihm distanzieren. Der dritte: objektiv betrachten, was sich abgespielt hat, warum es so war, wie es war. Dann erst kommt als vierter Schritt die Vergebung als Akt der Befreiung: Ich befreie mich von dem, der mich verletzt hat. Der letzte Schritt verwandelt die Wunden in Perlen: ich spüre, dass ich durch die Verletzung stärker, zugleich aber auch sensibler geworden bin.“ (nach Wunibald Müller, Schuld und Vergebung. Befreit leben. Freiburg 2005, S. 46)

Der Bruder des verlorenen und heimgekehrten Sohnes bleibt vorläufig draußen. Er braucht die Distanz zu denen, die ihn verletzt haben: zu Bruder und Vater. Er muss – wie jeder von uns – seinen eigenen Weg gehen, in seinem eigenen Tempo. Das Ergebnis dieses Prozesses bleibt – auch in der Bibel – offen.

Nicht immer gipfelt Versöhnung in Umarmung und spürbarer Nähe. Manchmal ist es erst die bewusst vollzogene Trennung, die inneren Frieden und Aussöhnung ermöglicht, wie im Falle eines anderen Brüderpaares: Abraham und Lot. Beide leben mit ihren Angehörigen und Tieren auf demselben Flecken Land. Es ist zu eng. Es kommt zum Streit:

„Da sprach Abram zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken (..) Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern.“ nach Gen 13,8–11

Aus der Ferne liebt es sich besser, meint der Volksmund: »Du zur Rechten – ich zur Linken!« Auch das kostet Mut: Aussprechen, dass ein Miteinander nicht länger möglich ist – als Geschwister- oder Ehepaar, weil man sich wechselseitig die Luft zum Atmen nimmt, weil man sich nicht frei entfalten kann. Doch man geht würdevoll und nicht im Streit und ohne ein letztes Wort. Man wünscht dem anderen Gutes, statt Vergeltung: Denn wir sind Brüder!
»Lasst euch versöhnen mit Gott!« heißt es im 2. Brief des Paulus an die Korinther.

Wer Versöhnung in seinem Leben erfährt, begreift: Sie ist ein Geschenk. Wir haben keinen Anspruch darauf. Wir können sie weder erzwingen noch uns krampfhaft erarbeiten. Wir können nur versuchen, im Gespräch zu bleiben – trotz Verletzung und Enttäuschung, trotz aller Schuldgefühle und der Angst, einander wieder zu begegnen.

Andernfalls verpassen wir den kostbaren Moment, in dem sich unser Leben ändern kann, weil uns überraschend Großzügigkeit und Barmherzigkeit widerfährt, weil Gott selbst uns begegnet und Gesicht zeigt. Das wohl schönste Kompliment, das man einem anderen Menschen machen kann, stammt von Jakob, kurz nachdem ihm sein Bruder eine schwere Schuld vergeben hat. Er sagt: »Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht.«

Ein langer Weg war es bis dahin, ein unvergesslicher, kurzer Augenblick ist es am Ende. Es ist der Beginn eines neuen Lebens, das sich wieder leicht und frei anfühlt. So ist Versöhnung.

 

Quelle:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/so-ist-versoehnung.1124.de.html?dram:article_id=247602

 

Liedbeitrag vorgetragen von Peter Straub (Keyboard und Gesang) und

Raphaela Lehmann (Gesang und Querflöte)